The Pawnshop Clippings 93/99
Alfred Polgar, Weltbühne, Berlin, Deutschland, July 3, 1924.
Benedikt Fred Dolbin, Alfred Polgar, Zeichnung, 1926,
Zentralbibliothek Zürich
„Als Versatzamt-Beamter“
Editorial content.
The Pawnshop is for the first time shown
in Germany Oct. 29, 1923 at the
Kammerlichtspiele am Potsdamer Platz, Berlin.
Redaktioneller Inhalt. „Chaplin
Von Alfred Polgar
Über Chaplins Wesen und Wirkung las ich sehr viele
geistreiche Erklärungen. Auf seinem blühenden
Ruhm sitzen die Schwärme der Literaten und lassen ihre
Rüssel spielen.
So erfuhr man, daß Chaplin ein Anwalt der Unterdrückten
sei, ein Spieler sozialer Absichten, ein symbolhafter
Kämpfer wider Tücken des Objekts, ein Protestler gegen
Welt-Ungerechtigkeit. Man erfuhr von dem ethischen
Prinzip, das er mit seinen vertretenen, übergroßen Schuhen
vertrete, und von der tiefen Philosophie seines
o-beinigen Watschelganges.
Aber all die trübe literarische Tunke wird uns den
kostbaren Bissen nicht verekeln.
An Chaplins quellkalter, elementarer, absoluter
Komik scheitern kläglich die Mühen der Nachdenklichen,
den liebenswerten Mann zu sentimentalisierem.
Es ist nicht wahr, daß er als Heiland herumhatscht. Sein
Humor hat vielmehr ein(e) sehr ausgeprägte,
erquickliche Bosheits-Komponente. Er ist ein lieb- und arglos
blickender Lausbub, ein Freche-Streiche-Spieler,
ein mit allen Salben geschmierter Quälgeist der Nicht-
Geschmierten, ein schonungsloser Ausnützer
fremder Schwäche, Ungeschicklichkeit und Schwere. Er ist
ein genialer Exzentrik mit Max- und Moritz-Phantasie,
die keine Gelegenheit vorübergehen läßt, sich Schadenfreude
zu bereiten. Chaplins rastloser Leib stört den Frieden,
und seine rastlose Seele verneint das Idyll. Er hat die Neugier,
die Spring-, Spiel- und Rauflust eines jungen Hundes, ein
weiches Herz und eine harte Faust, die beide ihn zu Abenteuern
locken. Er ist zweifaches Opfer der Verführungen seines
sanften Gemüts und seiner impertinenten Muskeln.
Es ist gleich, ob er Gutes oder Schlechtes tut, denn über
aller moralischen Wertung dessen, was er tut, steht
die geistige und körperliche Behendigkeit, mit der er es tut.
Er ist ein Turner, Läufer, Boxer von bezaubernder
Elastizität. Entsinnt ihr euch, wie er dasitzt, in dem Film Die
Heilquelle, dem dicken, aufgeregten Masseur die
Patienten schinden zusieht, mit Augen, welche sagen: O mein
Lieber, mich wirst du nicht so massieren, mich nicht!
Sein Mangel an Wehleidigkeit ist groß, ob es sich um eignes
oder fremdes Weh handelt.
Es ist nicht wahr, daß an ihm Tücke des Objekts sich
auslebt. Sie wird reichlich paralysiert durch Tücke
des Subjekts. Wenn er, als Versatzamt-Beamter, die Uhr, die
ihm der arme Teufel reichte, ohne Grund und
Notwendigkeit in ein Chaos ihrer Bestandteile löst und
dann den Armen mit zerstörter Sache abziehen
läßt (nebenbei: ein herrliches Sinnbild für die psychoanalytische
Therapie)... in solchem Humor steckt kein Atom
Güte, eher ein paar Atome Roheit. Wodurch wirkt er doch
so erquickend? Durch die triumphierende, strahlende
Sinnlosigeit seines Tuns.
Und hier steckt der eigentliche Kern von Chaplins sieghafter
Komik. Seine Schlapfen, sein Watschelgang, sein viel
zu kleiner Strohhut, sein Schnurrbart, der nur die Hälfte der
Oberlippe deckt... welche Bedeutung haben sie?
Meiner bescheidenen Meinung nach: gar keine. Das ist ihre
tiefe Bedeutung. In ihrer Sinnlosigkeit ruht ihr Sinn.
Daß diese Dinge ohne Grund und Zweck sind, gibt ihrem
Sein die nicht zu erschütternde Rechtfertigung.
Daß sie gar keine logische Herkunft haben, ist ihr göttlicher
Adelsbrief, gewährleistend unanfechtbare Souveränität.
Daß sie gar keine Absicht haben, als zu sein, wie sie sind: darin
steckt ihre profunde, komische Absicht. In dem
Justamentigen von Chaplins Erscheinung, in dem absolut
objektlosen Widerspruch, den sie darstellt, liegt ihr
fröhlicher Zauber.
Ich vermisse unter den pathetischen Kommentaren
zu Chaplin die schlichte Feststellung, daß er ein
großer Komiker ist, das heißt: ein Befreier, ein Lockerer
der moralischen, logischen und mechanischen
Zusammenhänge, in die der sogenannte ernste Mensch
sich heillos verstrickt weiß.“