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The Pawnshop Clippings 94/99

Alfred Polgar, Weltbühne, Berlin, Deutschland, July 3, 1924.

Alfred Polgar, Bei dieser Gelegenheit, Berlin 1930,

book jacket


„Als Versatzamt-Beamter“

Editorial content.

      The Pawnshop is for the first time shown

      in Germany Oct. 29, 1923 at the

      Kammerlichtspiele am Potsdamer Platz, Berlin.


Redaktioneller Inhalt. „Chaplin

      Von Alfred Polgar

      Über Chaplins Wesen und Wirkung las ich sehr viele

geistreiche Erklärungen. Auf seinem blühenden

Ruhm sitzen die Schwärme der Literaten und lassen ihre

Rüssel spielen.

      So erfuhr man, daß Chaplin ein Anwalt der Unterdrückten

sei, ein Spieler sozialer Absichten, ein symbolhafter

Kämpfer wider Tücken des Objekts, ein Protestler gegen

Welt-Ungerechtigkeit. Man erfuhr von dem ethischen

Prinzip, das er mit seinen vertretenen, übergroßen Schuhen

vertrete, und von der tiefen Philosophie seines

o-beinigen Watschelganges.

      Aber all die trübe literarische Tunke wird uns den

kostbaren Bissen nicht verekeln.

      An Chaplins quellkalter, elementarer, absoluter

Komik scheitern kläglich die Mühen der Nachdenklichen,

den liebenswerten Mann zu sentimentalisierem.

      Es ist nicht wahr, daß er als Heiland herumhatscht. Sein

Humor hat vielmehr ein(e) sehr ausgeprägte,

erquickliche Bosheits-Komponente. Er ist ein lieb- und arglos

blickender Lausbub, ein Freche-Streiche-Spieler,

ein mit allen Salben geschmierter Quälgeist der Nicht-

Geschmierten, ein schonungsloser Ausnützer

fremder Schwäche, Ungeschicklichkeit und Schwere. Er ist

ein genialer Exzentrik mit Max- und Moritz-Phantasie,

die keine Gelegenheit vorübergehen läßt, sich Schadenfreude

zu bereiten. Chaplins rastloser Leib stört den Frieden,

und seine rastlose Seele verneint das Idyll. Er hat die Neugier,

die Spring-, Spiel- und Rauflust eines jungen Hundes, ein

weiches Herz und eine harte Faust, die beide ihn zu Abenteuern

locken. Er ist zweifaches Opfer der Verführungen seines

sanften Gemüts und seiner impertinenten Muskeln.

      Es ist gleich, ob er Gutes oder Schlechtes tut, denn über

aller moralischen Wertung dessen, was er tut, steht

die geistige und körperliche Behendigkeit, mit der er es tut.

Er ist ein Turner, Läufer, Boxer von bezaubernder

Elastizität. Entsinnt ihr euch, wie er dasitzt, in dem Film Die

Heilquelle, dem dicken, aufgeregten Masseur die

Patienten schinden zusieht, mit Augen, welche sagen: O mein

Lieber, mich wirst du nicht so massieren, mich nicht!

Sein Mangel an Wehleidigkeit ist groß, ob es sich um eignes

oder fremdes Weh handelt.

      Es ist nicht wahr, daß an ihm Tücke des Objekts sich

auslebt. Sie wird reichlich paralysiert durch Tücke

des Subjekts. Wenn er, als Versatzamt-Beamter, die Uhr, die

ihm der arme Teufel reichte, ohne Grund und

Notwendigkeit in ein Chaos ihrer Bestandteile löst und

dann den Armen mit zerstörter Sache abziehen

läßt (nebenbei: ein herrliches Sinnbild für die psychoanalytische

Therapie)... in solchem Humor steckt kein Atom

Güte, eher ein paar Atome Roheit. Wodurch wirkt er doch

so erquickend? Durch die triumphierende, strahlende

Sinnlosigeit seines Tuns.

      Und hier steckt der eigentliche Kern von Chaplins sieghafter

Komik. Seine Schlapfen, sein Watschelgang, sein viel

zu kleiner Strohhut, sein Schnurrbart, der nur die Hälfte der

Oberlippe deckt... welche Bedeutung haben sie?

      Meiner bescheidenen Meinung nach: gar keine. Das ist ihre

tiefe Bedeutung. In ihrer Sinnlosigkeit ruht ihr Sinn.

      Daß diese Dinge ohne Grund und Zweck sind, gibt ihrem

Sein die nicht zu erschütternde Rechtfertigung.

Daß sie gar keine logische Herkunft haben, ist ihr göttlicher

Adelsbrief, gewährleistend unanfechtbare Souveränität.

Daß sie gar keine Absicht haben, als zu sein, wie sie sind: darin

steckt ihre profunde, komische Absicht. In dem

Justamentigen von Chaplins Erscheinung, in dem absolut

objektlosen Widerspruch, den sie darstellt, liegt ihr

fröhlicher Zauber.

      Ich vermisse unter den pathetischen Kommentaren

zu Chaplin die schlichte Feststellung, daß er ein

großer Komiker ist, das heißt: ein Befreier, ein Lockerer

der moralischen, logischen und mechanischen

Zusammenhänge, in die der sogenannte ernste Mensch

sich heillos verstrickt weiß.“


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Chaplins Schatten

Bericht einer Spurensicherung