The Immigrant Clippings 69/72
Hans Siemsen, Weltbühne, Berlin, Deutschland, April 8, 1922.
Hans Siemsen, Filmkritiker, undated
(...) Photo, Film & Schrift Band 15, München 2010
& Alexander Stoecker (photograher), Ufa-Palast
Nollendorfplatz, sign Metropolis Ein Film von Fritz Lang,
Berlin-Schöneberg, Jan. 10, 1927
& Ufa-Palast Nollendorfplatz, exterior by night, sign METROPOLIS
Ein Film von Fritz Lang, Berlin, 1927, Hutton Archive
& Da ist „Der Auswanderer“. Zwei Akte. Im ersten Akt: ein kleiner galizischer Jude, der in allen Gefahren und
Schrecknissen des Zwischendecks, unter Seekranken,
Kindern, Frauen, Rowdies, russischen Juden,
groben Beamten, Falschspielern, Banditen, zierlich,
schüchtern, freundlich, frech und gerissen seinen
Platz behauptet, eine junge Auswandererin kennen lernt
und halb verliebt, halb seekrank, durch Quarantäne
von ihr getrennt, in New York ankommt. Zweiter Akt: ohne
einen Pfennig in New York. Er findet, halb verhungert,
einen Dollar (der sich nachher als falsch herausstellt), geht
in ein Speisehaus, trifft dort sein Mädchen,
spendiert ihr zu essen, kann nicht bezahlen, macht alle
Qualen des geängsteten Zechprellers und des
blamierten Liebhabers und alle Seligkeiten des glücklichen
Liebhabers durch – und landet endlich, endlich,
nachdem er alle Abenteuer erlebt hat, die man überhaupt
nur am Tisch eines kleinen Großstadtrestaurants
erleben kann, die Tasche voll Geld, mit ihr im Standesamt.
Das ist, mit den Mitteln der grotesken Komödie,
der Pantomime, der Marionette, des Films erzählt, die
Geschichte eines alltäglichen kleinen Menschen.
Das ist die Geschichte des Auswanderers schlechtweg.
Verständlich fur alle nur halbwegs zivilisierten
Bewohner der Erde. Und so erzählt, daß man sie, die Geschichte,
und ihn, den kleinen Menschen, der sie erlebt, sein
Leben lang nicht wieder vergißt. Glück auf den Weg! denkt
man, wenn (man) sie im Standesamt verschwinden
sieht, Glück auf den Weg, Ihr beiden tapfern Menschenkinder
in dem großen, fremden, eiligen Amerika! Typen sind
es (Auswanderer schlechtweg!) und doch lebendige Menschen,
die in diesen Komödien herumlaufen. Typen und
zugleich Menschen. Und das gelingt nur den großen, den
ganz großen Meisterwerken.
Und die kleinen Züge in dieser Alltags-Groteske! Nur einen
von vielen. Das kleine Mädchen und seine Mutter
werden bestohlen. Völlig mittellos und völlig verzweifelt
sitzen sie da. Chaplin steckt ihr sein eben erspieltes
Geld heimlich in die Tasche. Aber dann besinnt er sich. Kriegt
es heimlich wieder heraus. Nimmt einen Dollar wieder
zu sich – zögert – nimmt noch einen – und steckt ihr dann
ganz zart und heimlich das Geld (weniger zwei
Dollars) wieder in die Tasche. Diese Mischung aus Mitleid und Berechnung, diese dosierte Güte, dieser vorsichtige
Heroismus – sind wir nicht Alle so?
(...) Chaplin von Hans Siemsen, II. Der Komödiendichter,
Weltbühne, Oct. 12, 1922
„Das Allergrößte, was ich bis jetzt in der Kunst erlebt habe“
Editorial content.
The Immigrant is released in Germany March 24, 1922.
The german title is Chaplin als Auswanderer.
Redaktioneller Inhalt. „Film-Uebersicht
von Hans Siemsen“ (...)
„Der einzige Amerikaner, von dem man nach einigen
mittelmäßigen auch wirklich gute Filme gezeigt hat, ist bis jetzt
Chaplin
Auf der Walze war schon recht gut. Auswanderer ist
wundervoll. Diese kurze, auf zwei Akte konzentrierte groteske
Komödie ist das Beste, was ich (bei allem Respekt vor
Asta Nielsen, Wegener, Jannings, W. Hack, Hayakawa!) jemals
im Film gesehen habe. Dieser ernste, manchmal fast
tragische Scherz hat mir Eindrücke vermittelt, wie ich sie auf
der Bühne, in der Literatur, Musik und Malerei nur ganz,
ganz selten gefunden habe. Ich stelle das neben das Allergrößte,
was ich bis jetzt in der Kunst erlebt habe. (Im Rahmen
einer Monatsübersicht mit vier oder fünf Sätzen diesem Wunder
auf den Leib zu rücken, wäre sinnlos. Ich werde
nächstens einmal ausführlicher werden.)“
U. T. Nollendorfplatz, Berlin-Schöneberg.
Deutsche Erstaufführung von Chaplin als Auswanderer
24. März 1922