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City Lights Clippings 303/387

Heinz Pol, Vossische Zeitung, Berlin, Dtl., March 27, 1931.

Lichter der Großstadt – eine Folge der herrlichsten Pantomimen.

Chaplin beweist in ihnen von neuem, dass er die

Gebärdensprache auf eine Weise zu reden versteht, die jedes

gesprochene Wort zum Schädling macht. Mehr noch:

er erfindet Gesten und mimische Situatioen, durch die eine

Haltung, die sich sprachlich nur schwer umschreiben

läßt, mit einem Schlag den Kindern und Erwachsenen aller

Völker verständlich wird.

      Einstein hat dem Künstler in Berlin seine Photographie mit

der Unterschrift: „Charlie Chaplin, dem Nationalökonomen“

geschenkt. Ob Chaplin sich viel mit Nationalökonomie beschäftigt

hat, weiß ich nicht. Aber aus seinen Filmen weiß jeder, daß

er ein Freund der Schwächeren, der Schlechtweggekommenen

ist und mit gutem Herzen und scharfem Auge unsere

gesellschaftliche Wildnis durchmißt. Als ein rechter Mensch

versucht er sich in ihr zu behaupten, und die einzelne

Pantomime stellt nichts weiter dar als eine solche Begegnung

zwischen ihm und der unrichtigen Welt.

      Ich will auf gut Glück einige Szenen aus dem neuen Film

herausgreifen, die belegen, bis zu welchem Grade das

mimische Sprachschöpfertum Chaplins einem exemplarischen

menschlichen Grunde entwächst. Gleich am Anfang

zeigt er sich auf einem eben enthüllten Denkmal, das dem

„Frieden und Wohlstand“ des Volkes gewidmet ist.

Man muß dieses voluminöse Denkmal gesehen haben und

den in seinen Steinmassen verlorenen kleinen

Vagabunden, dem noch dazu das Riesenschwert einer der

drei Friedensfiguren die Hose zerschlitzt! Eine

komischere Travestie auf die konventionelle Heuchelei ist

kaum je ersonnen worden, und wenn Gelächter 

zu töten vermag, so wird das durch diese Episode entfesselte

noch ganze Denkmalsdynastien dahinraffen.

(...) Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung, 1931


„Las ein Herr ein Telegram von ihm vor, er sei verhindert“

Editorial content.

      City LightsLichter der Großstadt  – opens in Germany

      March 26, 1931 at the Ufa-Palast am Zoo in Berlin.

      Ufa-Palast am Zoo, Budapester Strasse, Berlin-Charlottenburg.

    

Redaktioneller Inhalt. „Chaplins Lichter der Großstadt

      Deutsche Uraufführung im Ufa-Palast am Zoo

      In diesem wehmütigsten aller Chaplin-Märchen verzichtet

Charlie von Anfang an auf das grosse Glück, auf das

er sonst immer gehofft hatte.“ (...)

      „Der Verein Berliner Presse hatte die deutsche Uraufführung

in der würdigsten Form zu einer Festvorstellung für eine

erlesene Zuschauerschaft gemacht. Das Berliner Funkorchester

unter der Leitung des Generalmusikdirektors Hans v.

Hoeßlin spielte Richard Strauß‘ Till Eulenspiegel. Vor Beginn der

Acht-Uhr-Vorstellung stauten sich die Menschenmassen

um den Zoo-Palast herum. Viele glaubten und hofften, Chaplin

sei doch noch heimlich nach Berlin gekommen. Nein,

er war nicht gekommen. Nach Schluß des Films las ein Herr

ein Telegram von ihm vor, er sei verhindert. Er sitzt

wohl halb tot von den Huldigungen Europas auf einem Gut

in der Nähe von Paris.                            Heinz Pol.“

      Heinz Pol (Heinz Pollack) hat zusammen

      mit Charlotte Pol Chaplins Hallo Europa! (Leipzig 1928)   

      herausgegeben, übersetzt und bearbeitet.

      Die deutsche Premiere von City LightsLichter der Großstadt –  

      findet am 26. März 1931 im Ufa-Palast am Zoo statt.

      Ufa-Palast am Zoo, Budapester Strasse, Berlin-Charlottenburg.


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Chaplins Schatten

Bericht einer Spurensicherung